Dunkel Hell

Bevor wir das Selbstverständnis des modernen Mannes betrachten, ist es sicher hilfreich, sich zunächst einmal mit dem Wandel des Frauenbildes speziell in den letzten Jahrzehnten, aber auch in der Zeit davor zu beschäftigen. Denn diese beiden Prozesse unterliegen in ausgeprägtem Maße einer Wechselwirkung. Mit der Frauenemanzipation verhält es sich wie mit der Demokratie: man macht sich nur selten bewußt, was man schon erreicht hat, da sich der Mensch rasch daran gewöhnt, wenn sich die Umstände zum Positiven verändern. Wir alle wissen, dass wir noch lange nicht am Ziel angelangt sind, aber vor allem in den letzten 50 Jahren haben sich wesentliche Entwicklungen vollzogen – wir sprechen hier allerdings nicht vom arabischen Sharia-Recht, sondern vom BGB.

Man höre und staune: Frauen durften erst seit 1962 ein eigenes Bankkonto eröffnen. Ebenso durften sie über den täglichen Bedarf hinaus ohne die Zustimmung des Ehemannes keine größeren Anschaffungen tätigen. Zwar hatten die Mädchen in dieser Zeit schon eine bessere Schulbildung oder sogar eine Berufsausbildung um bis zur Eheschließung erwerbstätig zu sein, aber bis 1977 konnte ein Arbeitsverhältnis noch vom Ehemann gekündigt werden. Die Frau durfte, auch wenn sie verheiratet war, erst 1977 selbst einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Zwar konnten Frauen schon seit 1901 studieren, doch die Gesetzgebung hielt ebenso wie das Frauenbild in der Gesellschaft, nicht Schritt. Dieses wandelte sich erst rund 70 Jahre später, da allerdings mit einer ungeheuren Vehemenz und mit ungeahnter Geschwindigkeit. 

Aus all diesen Gründen ist es wirklich nicht erstaunlich, dass die Männer, die sich eine so lange Zeit in ihrer ihnen von der Gesellschaft vorgegebenen Rolle einrichten konnten, zutiefst verunsichert sind und sich vollkommen neu orientieren müssen – und das braucht Zeit! 

Aber bei all diesen Überlegungen darf man nicht außer Acht lassen, dass das Verhältnis zwischen Mann und Frau nicht nur durch Gesetze und ein gesellschaftliches Rollenbild exportiert wird, sondern dass wir uns auch mit der unterschiedlichen psychischen und physischen Disposition von Mann und Frau und deren Auswirkungen auf das miteinander Zusammenleben auseinandersetzen müssen. 

Im 19. Jahrhundert wurde die Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau zum einen mit den unterschiedlichen biologischen Voraussetzungen von Mann und Frau begründet, war aber natürlich auch durch die gesellschaftlichen Normen geprägt. Diese wiederum differenzierten sich für die Frauen des Bürgertums als auch durch die beginnende Industrialisierung bedingt für die Frauen des Proletariats. Diesen Gegebenheiten entsprechend definierte sich die Rolle des Mannes. 

Vor allem im Bürgertum wurde die Frau auf ihre Aufgaben im häuslichen Umfeld reduziert – die klassische Hausfrau ist eine Erfindung der bürgerlichen Gesellschaft, der Begriff entstand bereits im Mittelalter, hatte in dieser Zeit aber noch die Bedeutung, dass sie dem Hause vorstand und die Herrin über Knechte und Mägde war. Für adlige Frauen kam Hausarbeit im engeren Sinne ohnehin nicht in Frage, einzig der Umgang mit Nadel und Faden gehörte u.a. zur klassischen Erziehung adeliger Frauen. Die bäuerliche Gesellschaftsschicht konnte sich hingegen eine strikte Trennung zwischen Haus- und Erwerbsarbeit nicht leisten. Für die Feldarbeit waren Frauen und Männer gleichermaßen zuständig und notwendig. Die Rolle der Frau als Hausfrau wurde erst in der bürgerlichen Gesellschaft im 18. und 19. Jahrhundert festgelegt und diese Entwicklung setzte sich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts fort, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass die Hausarbeit dank der technischen Errungenschaften zunehmend leichter wurde. Die Wertschätzung der Hausarbeit und der Kindererziehung hingegen nahm in all diesen Jahren stetig ab – ein schleichender Prozess.  Die Frau als Hausfrau und Mutter mußte plötzlich mit der erwerbstätigen Frau konkurrieren – ein aussichtsloses Unterfangen, da die Arbeit zuhause nicht bezahlt wurde und wird und dadurch nur ideellen Wert besitzt, eine Tatsache, die nur in Ausnahmefällen honoriert wird.

Mit dem Beginn der Frauenbewegung und der zunehmenden Politisierung der Gesellschaft Ende der 1960er Jahre geriet die Hausarbeit zwischen die Fronten der Überzeugungen. Die Frauen wandten sich einerseits gegen die Geringschätzung der Hausarbeit, andererseits wurde die Hausfrau selbst zum Symbol braver Abhängigkeit und die „Nur-Hausfrau“ wurde in verstärktem Maße zu einem abwertenden Begriff vor allem unter Frauen.

In all diesen Jahren bzw. bis in die 50er Jahre und 1960er Jahre hineIn konnte sich der Mann, natürlich unter der Berücksichtigung seiner gesellschaftlichen Position, gut und sicher etablieren, seine ihm zugewiesene Rolle ausfüllen. Er geht arbeiten, ist der Ernährer der Familie, macht bestenfalls Karriere und die Frau kümmert sich um das Heim, die Kinder und alle damit verbundenen Aufgaben. Diesen Aufgaben entsprechend konnte er naturgemäß vor allem die männlich-harte Seite seines Wesens zeigen. Alles andere verbot sich von selbst und wurde von ihm auch nicht erwartet.

Die Ansprüche der modernen, emanzipierten Frauen haben dieses Männerbild grundlegend ins Wanken gebracht. Nicht unerheblich wurde diese Entwicklung auch durch die sexuelle Revolution -die Antibabypille verlieh den Frauen auch in diesem Bereich eine Unabhängigkeit wie nie zuvor – zu Beginn der 1960-er Jahre des 20. Jahrhunderts beschleunigt. Die Frauen wollten nun selbst arbeiten gehen, wenn möglich sogar Karriere machen und sich nicht mehr allein um die Erziehung und den Haushalt kümmern, d.h. dass der Mann seinen Selbstwert durch seine Arbeit definiert und Frauen basierend auf dieser Rolle als Versorger anzieht, reichte nun nicht mehr aus. Andere Qualitäten waren plötzlich gefragt.

Der Mann mußte sein Selbstverständnis völlig neu definieren, reflektieren und umsetzen – eine Aufgabe, die Zeit beansprucht. Denn, wenn die Frau z.B. den klassischen Versorger nicht mehr braucht, sind die Herren der Schöpfung herausgefordert, vielleicht bislang unentdeckte und nicht gelebte Qualitäten bei sich zu entdecken – eine Tatsache, die zum einen der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit dienen kann ,aber auch dem Miteinander von Mann und Frau völlig neue Facetten verleiht und abfordert.

Es ist keine Frage, dass die Männer in dieser neuen Konstellation, durch den Druck von außen, viele ihrer Privilegien aufgeben mußten, da die Frauen, bedingt durch die wirtschaftliche Unabhängigkeit, nun in der Lage sind, missliebige Männer zu verlassen. Gesetze gegen häusliche und sexuelle Gewalt haben ihren Anteil dazu beigetragen, dass viele Frauen der Willkür ihrer Männer nicht mehr ausgeliefert sind.

Wie wir aus den vorangegangenen Ausführungen unschwer erkennen können, ist die Tatsache, dass die klassischen Geschlechterrollen vollkommen durcheinander geraten sind und der typische Macho eine im Aussterben begriffene Spezies ist. Doch wie läßt sich der neue Mann charakterisieren? Der Lebenscoach Mark Lambert sagt, dass es für einen Mann noch nie so schwer wie heute war seine eigene Rolle zu finden und zu definIeren. Allerdings muß man bei dieser Frage zwischen dem Berufs- und Privatleben unterscheiden. Viele Männer fühlen sich in ihrem Beruf und ihrer Arbeit nach wie vor absolut sicher und kompetent, kompliziert wird es jedoch in ihrem Beziehungsleben. Da wagen es viele Männer nicht mehr, ihre männlichen Anteile zu leben um nicht als Macho zu gelten. Deshalb fordert Mark Lambert seine Geschlechtsgenossen auf, wieder authentischer zu werden, sich nicht für ihre männlichen Eigenschaften zu schämen, aber auch ihre femininen Seiten zuzulassen und zu akzeptieren, d.h. sensibel und emotional zu sein. Männer stehen heute vor der Aufgabe, Frauen nicht mehr durch ihren „gesellschaftlichen Wert“ anziehen zu wollen, sondern möglichst ausschließlich durch ihren Selbstwert. In früheren Zeiten wurde Stärke meist mit Härte und Emotionslosigkeit gleichgesetzt, heute bedeutet sie, das zu entwickeln, was man selber möchte und auf diese Weise die Führung zu übernehmen. Denn auch, wenn sich die Frau heute die Gleichberechtigung wünscht und auch in allen Facetten leben will, möchte sie es in den meisten Fällen immer noch, dass der Mann die Führung übernimmt. wenn auch vielleicht in einer neuen Form, die einem modernen Weltbild entspricht.

Jede Generation hat ihre eigene Signatur, die Übergänge sind jedoch meist fließend. Der Nachkriegsgeneration folgte die Generation der „Boomer“, die 1968er Generation, die für den Aufbruch stand, vieles infrage stellte und hinter sich lassen wollte. Deren Kinder wiederum sind die sogenannten Millenials, geboren im Zeitraum zu Beginn der 1980er bis Ende der 1990er Jahre. Da gibt es Theorien, die leicht voneinander abweichen.

Die Millenials, auch Generation Y (Why) genannt, sind die Generation, die um viele Rechte nicht mehr kämpfen mußte, da sie mittlerweile selbstverständlich geworden sind und sie kann es sich erlauben, den Fokus auf ganz andere Prioritäten zu lenken. Den derzeitigen Abschluss bildet die Generation Z – die jeweiligen Übergänge können sich leicht überschneiden. Sowohl die Generation Y als auch die Generation Z gehören außerdem zu den Digital Natives – eine Herausforderung, die die Menschen noch einmal vor ganz andere Herausforderungen stellt und die es in der Menschheitsgeschichte vorher noch nie gegeben hat, d.h. sie prägen die Gesellschaft in einer ganz neuen Weise! 

Während in der Nachkriegsgeneration der Wiederaufbau im Mittelpunkt stand, die nachfolgende dann einerseits gegen die Elterngeneration revoltierte, andererseits aber waren sehr viele von ihnen über rund zwei Jahrzehnte hinweg mit ihrer Karriere befasst, andere Werte fanden da wenig Raum.

Die Miillenials, die Mitglieder der Generation Y ticken plötzlich ganz anders wie eine neue Studie, die im Auftrag von Gillette erstellt wurde, zeigt.

Die Werte der jungen Männer, die sich vor allem über sich selbst viele Gedanken machen, haben sich grundlegend gewandelt: das eigene sinnhafte Glück steht über dem Erfolg, das Glück der anderen als auch eine gleichberechtigte Gesellschaft. Die jungen Männer wollen nicht mehr vor allem erfolgreich sein, sondern in erster Linie glücklich, sie streben an die beste Version ihrer selbst zu werden. 90 Prozent ist es wichtiger glücklich zu sein und Dinge gern zu tun als die Erwartungen der Gesellschaft zu erfüllen.

Das stereotype, klassische Männerbild, das über viele Jahrzehnte hinweg die Gesellschaft prägte, scheint endlich Geschichte zu werden. Sie müssen keine Machos mehr sein und die Erwartungen, die die Eltern-Generation der Millenials noch zu erfüllen versuchte, sind in den Hintergrund getreten, das eigene individuelle Glück steht im Vordergrund.

Millenial-Männer haben das Ziel zum Wohl anderer Menschen beizutragen, was wiederum mit der Sinnsuche zusammenpasst. 72 Prozent der Männer finden zudem, dass Gemeinschaft ein wichtiger Wert ist, da er das eigene Verhalten und Leben bestimmt und 82 Prozent halten es für wichtig, für das einzustehen, was man selbst für richtig und wichtig hält und sie möchten einen positiven Einfluss auf andere Menschen haben.

Gleichberechtigung ist für die Mehrheit der Millenials ein großes Thema, sei es in den Bereichen von Beziehung und Beruf oder Freundschaften. Dieser Anspruch konnte allerdings noch nicht in allen Lebensbereichen adäquat umgesetzt werden. Ehrlichkeit (91 Prozent), Freiheit (90 Prozent) und Gerechtigkeit (89 Prozent) sind wichtige Werte, die das Handeln dieser Generation bestimmen und das ist auch ihre Stärke. Mit einem neuen Selbstbewusstsein stehen sie für ihre Werte, die ihnen etwas bedeuten und nach denen sie sich richten, ein – egal, ob sie es im Anzug oder in lässiger Freizeitkleidung machen, das ist der Generation Y egal, wichtig ist es ihnen in erster Linie, dass es einen Sinn ergibt!

Das Aufbrechen der traditionellen Geschlechterrollen hat verständlicherweise einerseits eine große Verunsicherung ausgelöst, andererseits ungeahnten Möglichkeiten Bahn gebrochen: für den modernen Mann ist mittlerweile alles möglich, er darf alle Anteile seines Wesens, seiner Individualität ausleben und auf diese Weise die Gesellschaft prägen.

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